Ursachen, Risikofaktoren und Begleiterkrankungen einer Depression
Eine Depression entsteht selten aus einem einzelnen Grund, sondern aus dem Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren – und tritt häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen auf. Hier erfahren Sie, welche Ursachen und Risikofaktoren eine Depression begünstigen können und welche psychischen wie körperlichen Begleiterkrankungen besonders häufig auftreten.
Was sind mögliche Ursachen und Risikofaktoren einer Depression?
Depressionen sind kein einheitliches Krankheitsbild. Sie entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Ein zentraler Erklärungsansatz ist das Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Depressive Störungen treten demnach dann auf, wenn individuelle Anfälligkeiten (Vulnerabilität) mit auslösenden Faktoren wie belastenden Lebensereignissen oder körperlichen Erkrankungen zusammentreffen1. Vereinfachend lässt sich zwischen folgenden biologischen und psychosozialen Faktoren unterscheiden2:
Biologische Faktoren
- Genetische Vulnerabilität: Depressionen bei nahen Angehörigen, besonders ersten Grades, erhöhen das eigene Risiko
- Körperliche Risikofaktoren, z. B. Stoffwechselstörungen, Adipositas, Infektionen, chronische Krankheiten
- Hormonelle Veränderungen, z. B. in der Pubertät, Schwangerschaft oder in den Wechseljahren
Soziodemografische Faktoren
- Geschlecht: Frauen sind statistisch häufiger betroffen
- Höheres Alter: veränderte Lebensumstände und körperliche Einschränkungen
- Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit: mögliche Mehrfachbelastung durch Diskriminierung oder Anpassungsdruck
- Niedriger sozioökonomischer Status oder Armut: finanzielle Belastung, eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung
Psychische und psychosoziale Faktoren
- Andere psychische Störungen, z. B. Angststörungen, Substanzgebrauchsstörungen, Persönlichkeitsstörungen
- Soziale Isolation: u.a. Vereinsamung, Verwitwung, mangelnde soziale Unterstützung
- Traumatische Erfahrungen: z. B. Missbrauch, Misshandlung, emotionale und/oder körperliche Vernachlässigung, Gewalterfahrungen, Krieg, schwere Verlusterlebnisse
- Aktuelle Belastungen: Bsp. Beziehungskrisen, berufliche Enttäuschungen, Diagnose einer schweren Krankheit, Trennungen, Todesfälle
- Chronischer Stress, Burnout und Überforderung
Lebensstilfaktoren
- Ernährung, Rauchen, Bewegungsmangel
Was sind häufige Begleiterkrankungen einer Depression?
Eine Depression tritt selten isoliert auf. Häufig besteht sie zusammen mit anderen psychischen oder körperlichen Erkrankungen, die den Verlauf erschweren, das Rückfallrisiko erhöhen und die Prognose verschlechtern können. Diese sogenannte Komorbidität bzw. komorbide Störung kann sowohl Ursache als auch Folge einer Depression sein. Etwa 50 % der an einer depressiven Episode erkrankten Menschen weisen eine weitere psychiatrische Störung auf.
Häufige psychiatrische Komorbiditäten bei Depression:
- Substanzmissbrauch (Alkohol- oder Drogenabhängigkeit): Suchterkrankungen und psychische Erkrankungen basieren auf verschiedenen sich überschneidenden Faktoren. Suchtmittel werden häufig als „Selbstmedikation“ gegen depressive Symptome oder Nebenwirkungen von Medikamenten eingesetzt, haben aber einen gegenteiligen, krankheitsverstärkenden Effekt.
- Angst- und Panikstörungen: Eine Depression tritt häufig in Kombination mit Angststörungen auf. Betroffene erleben übermäßige Unsicherheit, Ängstlichkeit oder Panikattacken, ohne dass eine der beiden Erkrankungen immer klar im Vordergrund steht.
- Zwangsstörungen: Im Rahmen von Zwangserkrankungen kommen Depressionen häufig vor, die beiden Krankheitsbilder können sich auch gegenseitig bedingen. Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen sind wiederkehrende, belastende Gedanken oder Rituale, die nicht oder nur schwer kontrollierbar sind. Sie können den Alltag stark einschränken.
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Essstörungen: Essstörungen und Depressionen sind oft miteinander verbunden. Magersucht, Bulimie oder die Binge-Eating-Störung treten häufig bei Jugendlichen und vorwiegend bei Frauen3, zunehmend aber auch bei Männern, auf und führen oft zu einer Verstärkung der Symptome.
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Persönlichkeitsstörungen: Als Persönlichkeitsstörungen bezeichnet man ein in der Kindheit und Jugend beginnendes Muster von nichtangepassten Denk- und Verhaltensweisen, die den Alltag und das soziale Umfeld stark belasten. Betroffene tragen ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken. Die Behandlung ist oft komplizierter, es besteht ein höheres Rückfallrisiko. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist ein Beispiel für eine Form der Persönlichkeitsstörung.4
Häufige somatische Komorbiditäten bei Depression:
Depressionen treten besonders oft gemeinsam mit chronischen körperlichen Erkrankungen auf. Diese somatischen Komorbiditäten gehen im Vergleich zu reinen Depressionserkrankungen mit deutlich höheren Krankheits- und Sterberaten einher, verursachen mehr Arbeitsausfälle, senken die Lebensqualität und führen zu höheren Behandlungskosten.5 Zudem verstärken sie die depressiven Symptome, erschweren die Behandlung und führen zu längeren Krankheitsverläufen. Eine primär vorliegende körperlich-chronische Erkrankung verdoppelt epidemiologischen Studien zufolge das Risiko, parallel eine Depression zu entwickeln.6
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Chronische Schmerzerkrankungen: Zwischen chronischen Schmerzen und Depression besteht eine wechselseitige Beziehung – chronischer Schmerz erhöht das Risiko, eine Depression zu entwickeln. Umgekehrt steigert eine Depression die Wahrscheinlichkeit, dass im Verlauf chronische Schmerzen entstehen. Bei Migräne zeigt sich dieser Zusammenhang besonders deutlich: Das Risiko an einer Depression zu erkranken, ist mindestens dreimal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung und umgekehrt tritt Migräne bei depressiven Patienten ebenfalls etwa dreimal so häufig auf. Insgesamt geht man davon aus, dass etwa die Hälfte der Depressionen im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen entsteht – und umgekehrt.7
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Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Viele Patienten mit Herzinfarkt oder Herzinsuffizienz leiden zusätzlich an einer Depression. Umgekehrt erhöht eine Depression das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden. Daten von 3.428 männlichen Patienten im Alter von 45 bis 74 Jahren aus der europäischen MONICA/KORA- Langzeitstudie zeigen: Depression ist ein erheblicher Risikofaktor.8
Dabei ist das Risiko sowohl für männliche als auch für weibliche Personen erhöht. Eine retrospektive Studie untersuchte hierzu die Daten von mehr als vier Millionen Patienten im Alter von 18 bis 75 Jahren. Die Ergebnisse zeigen, dass das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung bei Personen mit einer Depression zwar grundsätzlich erhöht ist, bei depressiven weiblichen Personen jedoch vergleichsweise stärker ausfällt als bei männlichen Personen. Vermutete Gründe für die erschwerte Belastung sind ungünstige Kombinationen von psychosozialen und biologischen Faktoren. So durchlaufen weibliche Personen im mittleren Alter eine Hormonumstellung, was sich auf auf den Umgang mit Stress auswirken kann.9
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Schlaganfall: Viele Patienten entwickeln nach einem Schlaganfall eine Depression, im Englischen als Post-Stroke-Depression bezeichnet, die die Rehabilitation erschwert und das Sterblichkeitsrisiko erhöhen kann. Eine Vielzahl epidemiologischer Studien zeigt, dass die Post-Stroke-Depression in nahezu 50 % der Fälle zu beobachten ist.10
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Krebserkrankungen: Zwischen 5 und 46 % der Krebspatienten erkranken zusätzlich an einer Depression. Diese kann Therapieerfolg, Lebensqualität und Überlebensrate maßgeblich beeinflussen. Das Sterblichkeitsrisiko ist bis zu dreimal höher, wenn depressive Symptome vorliegen. Auslöser für eine Depression können chronische Schmerzen, funktionelle Einschränkungen, sichtbare Wunden oder Folgen belastender Therapien (z. B. Chemo- oder Strahlentherapie, entstellende Operationen) sein. Die Psychoonkologie oder psychosoziale Onkologie ist eine eigene wissenschaftliche Fachrichtung: Sie erforscht die psychischen Auswirkungen von Krebserkrankungen auf Betroffene und ihr Umfeld und entwickelt Möglichkeiten der Unterstützung.11
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Diabetes mellitus Typ 2: Rund ein Viertel aller Menschen mit Diabetes leidet zusätzlich unter depressiven Symptomen. Eine Depression erhöht das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, um etwa 60 %. Umgekehrt steigt das Depressionsrisiko bei bestehendem Diabetes um rund 20 %. Depressive Symptome wie Antriebslosigkeit oder Schlafstörungen erschweren die konsequente Umsetzung der Diabetestherapie (z. B. Bewegung, Blutzuckerkontrolle, Ernährung), zudem treten Folgeerkrankungen wie Gefäß-, Augen- und Nierenschäden häufiger auf.12
Darüber hinaus können auch chronische Lungenerkrankungen (COPD), Epilepsie, HIV-Infektionen, Parkinson und bestimmte medikamentöse Behandlungen, z. B. bei Hepatitis C, eine Depression auslösen.13
Liegen zwei oder mehr chronische Erkrankungen gleichzeitig vor, die in Ihrer Bedeutung für die Behandlung als gleichrangig angesehen werden können, spricht man von Multimorbidität. Mit steigender Zahl an Erkrankungen wird die Therapieplanung komplexer, das Risiko für unerwünschte Wechselwirkungen größer und die Handlungsspielräume der Patienten kleiner.14
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