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29. Januar 2026

Hochfunktionale Depression: Wenn Funktionieren das innere Leid verdeckt

Viele Menschen verbinden eine Depression mit sichtbarem Rückzug, Antriebslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit. Doch depressive Erkrankungen können sich auch anders zeigen. Bei einer hochfunktionalen Depression wirken Betroffene nach außen leistungsfähig, engagiert und belastbar, während sie innerlich unter emotionaler Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und innerer Leere leiden.

Was ist eine hochfunktionale Depression?

Hochfunktionale Depression (HFD) ist kein medizinischer Fachbegriff, ebenso ist sie weder im ICD-10 noch DSM-5 als eigene Diagnose erfasst. Dennoch beschreibt sie ein relevantes Muster aus der psychotherapeutischen Praxis: Menschen erfüllen soziale und berufliche Anforderungen weiterhin zuverlässig und wirken nach außen leistungsfähig, erleben aber typische depressive Symptome wie Niedergeschlagenheit, anhaltende Erschöpfung, Schuldgefühle und innere Leere. Nicht selten wirken sie überdurchschnittlich engagiert, während sie im Inneren leiden.

Dadurch, dass das Leistungsniveau erhalten bleibt und typische Anzeichen (z. B. Antriebslosigkeit oder sozialer Rückzug) fehlen oder nur selten offen gezeigt werden, wird diese Form der Depression vom sozialen Umfeld, aber auch von den Betroffenen selbst häufig übersehen. In der klinischen Praxis gilt eine Depression oft erst als behandlungsbedürftig, wenn ein Leistungseinbruch erkennbar ist. Hierdurch können Menschen, die trotz ihrer Depression funktionieren, leicht übersehen werden. Zudem besteht bei der hochfunktionalen Depression eine diagnostische Lücke, die zu einer verspäteten Erkennung, Fehldeutung (z. B. als Stress oder Burnout) und in der Folge zu einer unzureichenden Versorgung führen kann.

Wichtig ist: Die hochfunktionale Depression ist nicht harmloser als andere depressive Erkrankungen. Unbehandelt kann sie sich verschlimmern und in eine schwere depressive Episode übergehen.

Was sind Symptome und Anzeichen einer hochfunktionalen Depression?

Viele Betroffene beschreiben das Gefühl, als würden sie neben sich stehen. Die Symptome der hochfunktionalen Depression ähneln denen der klassischen Depression, zeigen sich aber häufig subtiler. Die Anhedonie, also die verminderte Fähigkeit, Freude, Genuss oder emotionale Erfüllung zu empfinden, gilt in Fachkreisen als zentrales häufiges Symptom. Weitere Symptome sind unter anderem:

  • anhaltende Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder innere Leere
  • innere Unruhe und Grübeln, besonders in Ruhephasen
  • Schlafstörungen, Libido- oder Appetitveränderungen
  • Konzentrationsprobleme und Vergesslichkeit
  • ausgeprägte Selbstkritik, Schuldgefühle und Perfektionismus

Menschen mit einer hochfunktionalen Depression funktionieren weiterhin, während Betroffene einer klassischen Depression alltägliche Aufgaben häufig nur mit großer Überwindung oder gar nicht mehr eigenständig bewältigen können.

Links zeigen zwei Smartphones Inhalte aus dem Novego Online-Therapieprogramm, rechts ist eine junge Frau zu sehen, die aufmerksam auf Ihrem Smartphone liest.

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Welche Menschen sind besonders häufig von einer hochfunktionalen Depression betroffen?

Die hochfunktionale Depression tritt gehäuft bei Menschen in anspruchsvollen Rollen auf, z. B. bei Eltern, pflegenden Angehörigen, Studierenden, Ärzten oder Führungskräften. Neben dauerhafter Verantwortung besteht in diesen Gruppen ein hoher sozialer Druck: Belastbarkeit, Ehrgeiz und Selbstkontrolle werden erwartet und belohnt, weshalb nach außen eine gefasste Fassade aufrechterhalten wird.

Depressionen entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel biologischer, soziodemografischer, psychischer und gesellschaftlicher Faktoren. Studien liefern jedoch Hinweise darauf, dass die hochfunktionale Depression häufig mit unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen in Zusammenhang steht. Das scheinbar stabile Funktionieren vieler Betroffener ist weniger Ausdruck von Resilienz als vielmehr ein erlernter Schutzmechanismus, um schmerzhafte Emotionen und Erinnerungen nicht spüren zu müssen.

Häufig werden Perfektionismus und ein hoher Leistungsanspruch als Risikofaktoren für eine hochfunktionale Depression genannt. Auch traditionelle Rollenbilder können prägend sein.

3 Fallbeispiele für eine hochfunktionale Depression

Die folgenden drei Fallbeispiele unserer Psychotherapeutinnen sollen verdeutlichen, wie sich eine hochfunktionale Depression für Betroffene anfühlen kann.

Junge Frau mit Brille liegt erschöpft auf dem Sofa und hält sich mit einer Hand den Kopf. Symbolbild für hochfunktionale Depression bei Müttern.

Die erschöpfte Mutter

Jenny ist bekannt für ihr großes Herz. Kaum, dass jemand Hilfe braucht, ist sie zur Stelle. Kein Weg ist zu weit, keine Mühe zu viel. Kinder und Eltern versorgen, Einkaufen, Haushalt, Elternvertretung, Nachbarschaftshilfe – Jenny ist jederzeit ansprechbar. Für sie selbst und die eigenen Bedürfnisse bleibt da nur wenig Zeit. Jenny fühlt sich schon länger erschöpft und spürt sich immer weniger, möchte aber niemanden verärgern oder enttäuschen. Oft empfindet sie ein schlechtes Gewissen. Obwohl ihr Haus vor Sauberkeit strahlt, macht sich Vorwürfe, weil sie nicht mehr so viel schafft wie früher. Und sobald die Stille kommt, ist der inneren Unruhe kaum zu entkommen. Das merkt sie besonders dann, wenn sie versucht, abends einzuschlafen.

Junger Mann mit erschöpftem Gesichtsausdruck fasst sich mit einer Hand an die Stirn. Symbolbild für hochfunktionale Depression bei extrovertierten Persönlichkeiten.

Der einsame Entertainer

Bei jeder Feier ist Ben dabei. Voller Einsatz und mit breitem Lächeln organisiert er jedes Event. Er gilt als Entertainer im Freundes- und Arbeitskreis. Er zeigt sich selbstbewusst, ist witzig und oft ironisch. Im Inneren fühlt Ben sich einsam und abgeschnitten. Nach jedem Treffen fällt er in eine tiefe Erschöpfung. Kaum zu Hause, fällt es ihm schwer, die Struktur zu halten. Sein Haushalt ist chaotisch, die Briefe stapeln sich und zum Sport ist er schon länger nicht mehr. Und irgendwie scheint er im Moment auch Vieles zu vergessen. Dazu kommen Probleme in der Partnerschaft, weil Ben kaum noch sexuelles Interesse empfindet. Ben macht sich deswegen schwere Vorwürfe und würde am liebsten einfach im Bett bleiben.

Junge, erschöpfte Frau in Arbeitsoutfit hält sich mit beiden Händen den Kopf. Symbolbild für hochfunktionale Depression im Job.

Die still leidende Arbeitskollegin

Maria ist äußerst zuverlässig, pünktlich, leistungsorientiert und für jedes neue Projekt zu haben. Überstunden, Vertretung, Sonderaufgaben – alles kein Problem! Großes Lob und aufrichtige Anerkennung werden ihr zuteil. Auch im privaten Bereich gibt sie Vollgas: Man trifft sie regelmäßig im Reitstall oder auf Veranstaltungen. Maria selbst kann ihren Erfolg und ihre Leistung nicht spüren. Niemand weiß, wie sehr sich ihre Konzentration in den letzten Jahren verschlechtert hat und wie niedergeschlagen sie sich wirklich fühlt. Erholung findet sie schon lange nicht mehr. Sie hadert mit Selbstzweifeln und empfindet noch mehr Leistungsdruck. Nachts liegt sie oft wach und denkt an all ihre To-dos. Sie fragt sich, wie sie das alles bewältigen soll.

Was hilft bei einer hochfunktionalen Depression?

Bei einer hochfunktionalen Depression ist es besonders wichtig, sich frühzeitig professionelle Hilfe zu suchen, noch bevor die Leistungsfähigkeit sichtbar nachlässt. Warnzeichen sollten nicht ignoriert werden, da sich unbehandelt eine schwere Depression entwickeln kann.

Langfristig ist Psychotherapie ein zentraler Baustein der Behandlung. Besonders die kognitive Verhaltenstherapie hilft, innere Antreiber wie Perfektionismus, übermäßige Selbstkritik oder das Gefühl, nur über Leistung wertvoll zu sein, zu erkennen und zu verändern. Auch tiefenpsychologisch fundierte Verfahren können sinnvoll sein, wenn frühe Beziehungserfahrungen und alte Prägungen eine Rolle spielen. In akuten oder schweren Phasen kann eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva unterstützend eingesetzt werden, stets individuell und ärztlich begleitet.

Welches Therapieverfahren am besten geeignet ist, muss stets individuell entschieden werden. Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung ist Ihre Hausarztpraxis eine geeignete erste Anlaufstelle.

Selbsthilfe bei hochfunktionaler Depression

Ergänzend können Selbstfürsorge und Achtsamkeit im Alltag die Genesung fördern: Hilfreich ist es, die eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen und ernst zu nehmen, statt sie dauerhaft zu verdrängen oder zu übergehen. Gleichzeitig kann es entlastend sein, sich wieder klarzumachen, was im eigenen Leben wirklich wichtig ist, jenseits von Leistung, To-do-Listen und den Erwartungen anderer. Ausreichender Schlaf, regelmäßige Bewegung, Pausen und eine ausgewogene Ernährung unterstützen die psychische Stabilität. Zudem kann es helfen, kleine, erreichbare Schritte und Erfolge im Alltag bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen.

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Quellennachweis

„Diagnose der Depression – Stiftung Deutsche Depressionshilfe“, o. J. Zugriff am 28. Januar 2026. https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/was-ist-eine-depression/diagnose-der-depression.

Rebecca Häfner, Dr. Roland Mühlbauer. „Hochfunktionale Depression: Symptome, Ursachen und Hilfe | Apotheken Umschau“. Apotheken Umschau, 19. September 2025. Zugriff am 28. Januar 2026. https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/psychische-krankheiten/hochfunktionale-depression-symptome-ursachen-hilfe-fuer-betroffene-1397803.html.

Joseph, Judith F, Umit Tural, Nikeisha D Joseph, Teresa E Mendoza, Eshna Patel, Rachel Reifer, und Margot Deregnaucourt. „Understanding High-Functioning Depression in Adults“. Cureus, 12. Februar 2025. https://doi.org/10.7759/cureus.78891.

Okereke, Promise U., Chukwuemeka V. Umeh, Wisdom O. Okereke, Egide Ndayambaje, Christian C. Obetta, Onyedikachi F. Uzor, und Olanrewaju J. Oduola. „High-Functioning Depression: A Hidden Burden Demanding Clinical Recognition“. BJPsych Bulletin, 23. Dezember 2025, 1–3. https://doi.org/10.1192/bjb.2025.10193.


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