Verhaltenstherapie

Grundlegend in der Verhaltenstherapie ist das Einüben eines sogenannten Zielverhaltens – also eines erwünschten Verhaltens - Schritt für Schritt. Die Schritte beginnen mit einer konkreten Analyse des jeweiligen Verhaltens und einer daraus folgenden individuellen Bestimmung der einzelnen Lernabschnitte. Der Patient muss lernen, in kleinen Schritten zu Besserungen zu kommen. Zudem wird ein Belastungstraining für neu erlerntes Verhalten durchgeführt. Es folgt ein Lernschritt der Selbstkontrolle und nach Abschluss der eigentlichen Therapie gelegentliche Wiederholungsstunden, um Gelerntes aufzufrischen.

 

Methoden

Welche Methoden zur Anwendung kommen und für ein Problem am besten geeignet sind, entscheidet der Therapeut nicht allein. Letztendlich entscheidet der Patient, ob ihm ein bestimmtes Verfahren weiter hilft oder ob er sich dabei unwohl fühlt. Manchmal müssen verschiedene Wege ausprobiert werden. Häufig kommt es zu einer Kombination mehrerer verhaltenstherapeutischer Verfahren.

Wichtig als Grundlage für alle Methoden sind die vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Therapeut und die aktive Mitarbeit des Patienten.

 

Operante Verfahren

Therapietechniken, die lerntheoretische Prinzipien gezielt nutzen, nennt man operante Verfahren. Operante Verfahren spielen auf dem Weg zur Verhaltensänderung eine große Rolle und können zum Aufbau und zum Abbau von Verhalten angewendet werden. Die operanten Methoden arbeiten mit positiver und negativer Verstärkung. Sie spielen eine wesentliche Rolle bei der Interaktion zwischen Patient und Therapeut. So beeinflussen sie jeden therapeutischen Prozess.

Beim Verhaltensaufbau kann der Schwerpunkt auf Erwerb und Ausformung eines kaum oder gar nicht vorhandenen Verhaltens liegen. Dies kann zum Beispiel Kontaktaufnahme bei Menschen, die ausgesprochen unsicher sind, sein oder der Spracherwerb bei einem Kind mit Autismus. Bei der Ausformung von Verhalten nähert sich der Patient schrittweise einem Zielverhalten. Zunächst werden Anfangsschritte des gewünschten Verhaltens bekräftigt und später Verhaltenselemente durch positive Verstärkung aufgebaut, die bisher nicht oder unzureichend vorhanden waren. Ein weiterer Ansatz zum Verhaltensaufbau ist die Verknüpfung einzelner, bereits vorhandener Verhaltensweisen zu einem schlüssigen Handlungsablauf .

Bei operanten Methoden zum Abbau von unerwünschtem Verhalten ist es wichtig, immer auch ein gewünschtes Alternativverhalten zu finden und aufzubauen. Eine operante Methode zum Abbau unerwünschten Verhaltens ist die „Löschung“. Hierfür werden alle Verstärker, die ein Verhalten aufrechterhalten haben, entzogen. Unangemessene Verhaltensweisen werden bewusst ignoriert.

 

Selbstkontrollmethoden

Ein Ziel der Verhaltenstherapie ist das Selbstmanagement und damit auch die Selbstkontrolle. Methoden zur Selbstkontrolle unterstützen den Patienten bei der eigenen Kontrollübernahme im Verlauf einer Therapie. Auch physiologischen Vorgängen liegen Selbstregulationsprozesse zugrunde. Für die Aufrechterhaltung oder Veränderung eines Verhaltensrepertoires werden bewusst Verstärker im Sinne einer Selbstverstärkung eingesetzt.

 

Nach einer Phase der Vorbereitung und Informationsleistung sollen Selbstkontrollmethoden vom Patienten selbstständig eingesetzt werden. Dies ermöglicht eine sehr geringe Abhängigkeit vom Therapeuten und ist zudem zeitsparend und effektiv. Vorzugsweise bei Zwangserkrankungen, Suchtverhalten, Impulskontrollstörungen, der Behandlung von Schmerzwahrnehmung und depressivem Verhalten werden Verfahren der Selbstkontrolle eingesetzt.

 

Methoden der Selbstkontrolle sind:

  • Selbstbeobachtung: Sie bildet die Basis, denn anhand der Beobachtungen wird eine sogenannte Baseline des Verhaltens als Grundlage für spätere Erfolgskontrollen erstellt.

  • Selbstverstärkung und Selbstbestrafung: der Patient muss selbst Verstärker finden und anwenden, durch welche unerwünschtes Verhalten abgebaut und erwünschtes Verhalten aufgebaut wird.

  • Stimuluskontrolle: Bedingungen, die ein unerwünschtes Verhalten auslösen, werden vom Patienten erkannt und entfernt oder an einem alternativen Umgang mit diesen Bedingungen gearbeitet. Alkoholkonsum beispielsweise darf nicht mehr mit gemütlicher Geselligkeit belohnt werden.

  • Gedankenstopp: Stellen sich unerwünschte Gedanken ein, unterbricht ein Stoppsignal, das zuvor mit dem Therapeuten antrainiert wurde, den Gedankenfluss. Im Anschluss daran soll zu positiven Alternativgedanken übergegangen werden.

Therapeutisches Rollenspiel

Die Methode des Rollenspiels hat eine weitreichende Tradition in der Verhaltenstherapie. Durch Hilfe des Rollenspiels wird eine Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungs- und Konfliktfähigkeit für den Patienten angestrebt. Rollenspiele dienen der Diagnostik, erhöhen die Beteiligung in der therapeutischen Arbeit, dienen der Einübung neuer Verhaltensmuster, können Realitätseinschätzungen des Patienten sichtbar machen und helfen bei der Einübung neuer Selbstschemata.

Rollenspiele sind lebendig und gehen mit einer hohen emotionalen Beteiligung des Patienten einher. Der Therapeut muss den Patienten dabei unterstützen, Grenzen zu ziehen und auf die eigene Belastbarkeit zu achten und emotionale Überforderung verhindern.

Inhaltlich können Rollenspiele verschiedenen Bereichen entnommen sein (zum Beispiel Alltag, Berufswelt, Beziehungen) und sich zum Beispiel mit Themen wie Abgrenzung, Wahrnehmung des Gegenübers oder dem Äußern von eigenen Wünschen beschäftigen.

Rollenspiele dienen häufig als Vorbereitung auf reale Erfahrungen. Bei Rollenspielen in einer Therapiegruppe können Situationen einzelner Teilnehmer für eine allgemeine Aufgabenstellung gesammelt werden – zum Beispiel Grenzen setzen am Arbeitsplatz. In der Einzeltherapie wird der Therapeut von Situationen ausgehen, mit denen der Patient Probleme hat, und bei diesen die wichtigen Punkte herausarbeiten und schließlich eine Reihe von Übungssituationen entwickeln.

Die Rückmeldungen, die der Therapeut und der Patient im Anschluss an das Rollenspiel austauschen, sollten sich auf die von Therapeut und Patient festgelegten Ziele beziehen. Video- oder Tonbandaufzeichnungen des Rollenspiels können für die Rückmeldung hilfreich sein.

 

Konfrotationsverfahren

In der Verhaltenstherapie umfasst der Begriff Konfrontationsverfahren eine sehr heterogene Gruppe von therapeutischen Behandlungsmethoden. Die Gemeinsamkeit ist die Konfrontation (auch Exposition genannt) des Patienten mit einem aversiven – angstbesetzten -  Reiz. Diesem aversiven Reiz folgt bei den Patienten ein schwieriges Verhalten. Meist handelt es sich hierbei um ein Flucht- oder Vermeidungsverhalten.

Das gemeinsame Ziel aller Konfrontationsverfahren ist die Verhinderung des Flucht- oder Vermeidungsverhaltens. Auf diese Weise soll der Patient die Erfahrung sammeln, dass die eigentlich erwarteten unangenehmen Folgen ausbleiben. Es kann zu einer Neubewertung und veränderten Wahrnehmung kommen.

Einen Hauptanwendungsbereich finden Konfrontationsverfahren in der Behandlung von Angststörungen. Auch bei Zwangsstörungen, Bulimie, Abhängigkeitsstörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen kommen Konfrontationsverfahren zum Einsatz.

 

Psychologische Methoden

Ein Verhaltenstherapeut erfasst für gewöhnlich ein zu beobachtendes Verhalten auf unterschiedlichen Ebenen:

 

  • durch den (mündlichen) Bericht des Patienten
  • durch Beobachtung des motorischen Verhaltens des Patienten
  • durch die dazugehörigen physiologischen Komponenten

Bei einem Patienten mit Panikattacken zum Beispiel ist zum einen festzuhalten, dass er nach eigenem Bericht angibt, in welchen Situationen die Attacken auftreten, dass er in bestimmten Situationen fluchtartig dem Ausgang zustrebt (Motorik) und zudem kann beispielsweise die Herz- oder Atemfrequenz in der bestimmten Situation erfasst werden (physische Reaktion).

Die am meisten etablierte und am besten untersuchte psychophysiologische Methode ist das Biofeedback-Training. Hierbei werden physiologische Vorgänge mithilfe physiologischer Messungen dem Bewusstsein zugänglich gemacht, so dass in der Folge bewusst auf diese eingewirkt werden kann.

Eine Trainingsphase des Biofeedbacks beginnt mit der Wahrnehmung des Biosignals. Hierfür werden Beschwerden protokolliert und eine „Baseline“ erstellt, indem physische Reaktionen, beispielsweise die Herzfrequenz, im Ruhezustand gemessen werden. Daraufhin erfolgt das Erlernen der Kontrolle über dieses Signal.

Das Erlernen der Kontrolle kann durch bewusst eingesetzte trainierte Entspannungstechniken, wie zum Beispiel autogenem Training, erfolgen. Schließlich kann die in der Therapiesitzung trainierte Kontrolle über die physischen Reaktionen auf den Alltag übertragen werden. Übt der Patient die Entspannungstechniken gründlich und beherrscht diese sehr gut, kann es letztendlich so weit kommen, dass in einer Stresssituation allein die Vorstellung der Technik ausreicht, um die physiologische Reaktion zu kontrollieren.

 

Kognitive Verfahren

Unter Kognitionen werden in der Verhaltenstherapie der Vorgang des Denkens und das Produkt dieses Denkprozesses erfasst. So sind Wahrnehmungen, unser Gedächtnis, Glauben, Wertvorstellungen, die Sprache, Problemlösestrategien und Urteile unter diesem Begriff zusammengefasst. Kognitionen sind wichtige Mechanismen des emotionalen Erlebens. Emotionen stellen das Ergebnis eines Bewertungsprozesses in zwei Stufen dar. Zunächst wird eine Situation eingeschätzt und bewertet, schließlich werden Handlungsstrategien bewertet und selektiert.

Die kognitive Therapie ist zeitlich begrenzt, strukturiert und problemzentriert. Es wird ein Plan für jede Sitzung erstellt, der alle Punkte aufzeichnet, die in der Sitzung behandelt werden sollen.

Bearbeitet werden somit bevorzugt konkrete Alltagsprobleme. Zwischen den Sitzungen muss der Patient „Hausaufgaben“ erledigen, in denen in der Therapie Erlerntes im Alltag zum Einsatz kommt. In den Sitzungen interpretiert und analysiert der Therapeut die Kognitionen des Patienten und bringt ihn über gezielte Fragestellungen dazu, die automatischen Gedanken und Einstellungen zu verbalisieren, nachzuvollziehen und zu prüfen. Man nennt dies auch die „Sokratische Methode“. Sie soll den Patienten dazu bringen, selbst festzustellen, dass seine Denkweise nur eine Möglichkeit von vielen darstellt und es alternative Interpretationen zu ein und derselben Situation geben kann, die gegebenenfalls eher der Realität entsprechen. Durch das Bewusstmachen anderer Handlungsmöglichkeiten und Denkweisen sollen Änderungsprozesse in Gang gesetzt werden.

 

Soziales Kompetenztraining

Die soziale Kompetenz ist ein Oberbegriff für Fähigkeiten wie Selbstbehauptung, Selbstsicherheit und soziale Fertigkeiten. Somit trägt die soziale Kompetenz zur Lebensqualität eines jeden Menschen bei. Ein sozial inkompetentes Verhalten zeigt sich bei Menschen, die in bestimmten sozialen Situationen nicht mit der angemessenen Verhaltensweise reagieren. Es handelt sich hierbei zum Beispiel um besonders schüchterne Menschen, die ein Vermeidungsverhalten in Bezug auf bestimmte soziale Situationen haben.

Trainings zur Verbesserung sozialer Kompetenzen und zwischenmenschlicher Beziehungen wurden bereits in den Anfängen der Verhaltenstherapie entwickelt. Es handelt sich somit um standardisierte Verfahren, die gut überprüft und effektiv sind.

Ein Grundgedanke von Ansätzen der Kompetenztheorien ist, dass Menschen in unterschiedlichem Maß über Fertigkeiten verfügen, um zwischen sozialer Anpassung und individuellen Bedürfnissen Kompromisse zu finden und durchzusetzen. Ein Training der sozialen Kompetenz kann Tendenzen zur Selbstverwirklichung oder Tendenzen zur Anpassung jeweils stärken oder schwächen, um eine Balance für den Behandelten zu finden.

Beim Training werden kognitives, emotionales und tatsächliches Handeln berücksichtigt. Es wird zudem zwischen selbstsicherem, aggressivem und unsicherem Verhalten unterschieden. Das Ziel ist ein Verhalten, das der sozialen Situation angemessen und verantwortlich ist.



Praktisches Vorgehen Schritt für Schritt

Am Anfang der Verhaltenstherapie stehen die Klärung der Beschwerden und die Suche nach Lösungsansätzen. Der Hauptteil der Therapie besteht im Änderungsprozess. In der Endphase werden die erreichten Veränderungen stabilisiert und der Therapeut nimmt seine Unterstützung schrittweise zurück.

Vor dem Beginn einer Therapie steht die Suche nach einem geeigneten Therapeuten. Man kann sich von seinem Hausarzt zu einer Therapie überweisen lassen, dies ist jedoch nicht zwingend notwendig. Ein Vorteil ist, dass der Hausarzt gegebenenfalls Kontakte vermitteln und einen oder mehrere Therapeuten speziell für das Problem des Patienten empfehlen kann.

Gesetzlich versicherte Patienten haben das Recht auf bis zu fünf Probesitzungen bei einem oder mehreren Therapeuten. Bereits in den Probesitzungen werden Probleme und Beschwerden sondiert und der Patient kann seine Wünsche und Erwartungen benennen. Wichtig ist, dass sich eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Therapeut aufbaut und beide Seiten zum Gelingen der Therapie beitragen.

Formell muss in der Anfangsphase der Therapie ein Therapieantrag bei der Krankenkasse gestellt werden. Der Therapeut klärt den Patienten darüber hinaus über den Verlauf der Therapie, über Dauer und Kosten auf.

Im Hauptteil der Therapie beginnt die eigentliche Arbeit. Gemeinsam arbeiten Therapeut und Patient an Lösungen für die Probleme und Sorgen des Patienten und an der Umsetzung von Lösungswegen. Gemeinsam beurteilen Therapeut und Patient, ob der Weg erfolgreich war oder ob man auf andere Weise weiter arbeiten muss.

Ist der Patient mit den Änderungen und Lösungen zufrieden, dann beginnt die Endphase der Therapie. Die Veränderungen werden stabilisiert. Das Ziel der Verhaltenstherapie ist erreicht, wenn der Patient ohne die Hilfe des Therapeuten wieder gut leben kann.

 

 

Anfangsphase der Therapie

Die Klärung der Hauptprobleme und Ziele ist die wichtigste erste gemeinsame Aufgabe von Patient und Therapeut. Diese kann schon mal ein paar Sitzungen lang dauern. Wichtig ist, dass der Therapeut im Zusammenhang mit den Erwartungen und Wünschen des Patienten klar die Möglichkeiten und Grenzen der Therapie aufzeigt. Er wird den Patienten darüber aufklären, was auf ihn zukommt. Eine Therapie bedeutet eine Veränderung, deshalb muss dem Patienten klar sein, was dies im Speziellen heißen kann. Mit anderen Worten: Wer lernen will zu schwimmen, muss auch ins Wasser, auch wenn ihm dies zunächst Angst macht.

Zudem ist wichtig, dass der Therapeut deutlich macht, dass bestimmte Lebenstatsachen nicht verändert werden können und man nur am persönlichen Umgang mit ihnen arbeiten kann. Die Energie des Patienten soll sich auf änderbare Probleme konzentrieren.

In die Anfangsphase fällt auch die Entscheidung, welche Probleme zuerst in Angriff genommen werden sollen. Zudem stellt sich die Frage, ob weitere Personen in die Therapie einbezogen werden sollen oder können. Dies muss keine Hilfe von Personen aus dem sozialen Umfeld des Patienten sein, es kann sich auch um spezielle Organisationen oder Einrichtungen handeln (wie Arbeitsämter, Sozialarbeiter).

Auch die Art und die verschiedenen Möglichkeiten des Hilfsangebots müssen besprochen werden. Ist für den Patienten eine Einzel- oder Gruppentherapie hilfreicher? Kann die Behandlung ambulant erfolgen oder ist ein stationärer Aufenthalt ratsam? Ist für den Patienten eine Hilfe durch andere Institutionen im Moment sogar dringlicher (wie betreutes Wohnen oder akute Krisenhilfe)?

Bei bestimmten Störungen sind diagnostische Abklärungen durch psychodiagnostische Verfahren notwendig. Bei körperlichen Beschwerden muss eine medizinische Untersuchung erfolgen.

Der Patient muss schließlich entscheiden, ob er den Therapeuten für geeignet hält, ihm bei seinen Problemen zu helfen. Umgekehrt muss der Therapeut einschätzen, ob er für die Probleme des Patienten der richtige ist und ob der Patient wirklich bereit für eine Therapie ist. Gegebenenfalls kann eine Weiterverweisung nötig sein.

Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn der Patient bei einem ersten Kontakt ein ungutes Gefühl verspürt. Er trifft schließlich gerade eine sehr bedeutsame Entscheidung und spricht vielleicht zum ersten Mal über belastende und sehr persönliche Themen, noch dazu mit einer außenstehenden Person. Viele Patienten fühlen sich aber bereits nach einem Erstkontakt deutlich erleichtert.

 

Rolle von Patient und Therapeut

Jeder Patient hat seine ganz eigenen Erwartungen an einen Therapeuten. In der Anfangsphase der Therapie klären sich diese Erwartungen und sollen in realistischer Weise aufgebaut werden. Zu bedenken gilt stets, dass sich die Beziehung von Patient und Therapeut von alltäglichen Kontakten unterscheidet. Die Beziehung zum Therapeuten ist eine Beziehung auf Zeit, mit eigenen Spielregeln, die für einen erfolgreichen Therapieverlauf notwendig sind.

Die Patient-Therapeut-Beziehung ist problem- und zielorientiert, ein Mittel zum Zweck. Der Patient steht mit seinen Problemen immer im Mittelpunkt. Letztendlich handelt es sich um eine Dienstleistungsbeziehung. Es gibt klare Grenzen für körperliche Nähe und Intimität. Dafür kann eine starke emotionale Beteiligung und psychische Nähe entstehen. Nicht erwarten darf der Patient eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Ein Therapeut kann Probleme nicht wegzaubern, Vater, Mutter oder Partner spielen oder die Probleme an Stelle des Patienten lösen.

Realistische Erwartungen, die ein Patient an seinen Therapeut stellen kann, sind:

  • Eine vertrauens- und respektvolle Atmosphäre, so dass der Patient ohne Hemmungen alles äußern und besprechen kann, was in ihm vorgeht oder was ihm geschehen ist.

  • Umfangreiche Informationen über alle Aspekte der Therapie, Mitsprache und Mitbeteiligung.

  • Eine professionelle Arbeitsbeziehung, in welcher der Therapeut eine möglichst neutrale Position einnimmt und durch Unterstützung und Herausforderung hilft, neue Wege zu lernen.

  • Der Therapeut hält sich an die „Spielregeln“ seines Berufsstands, wie beispielsweise an die Schweigepflicht.

  • Hilfe beim Lösen von Problemen und beim Veränderungsprozess.

  • Fachliche Kompetenz. Ein Verhaltenstherapeut sollte sich immer auf dem aktuellsten Stand der Verhaltenstherapie halten und die Qualität der Therapie durch Weiterbildung und Supervision der eigenen Tätigkeit sichern.

Nicht nur der Therapeut sollte sich an bestimmte Erwartungen halten. Auch für den Patienten gelten gewisse Spielregeln:

  • Der Patient sollte in der Therapie offen und ehrlich sein und Fragen stellen, wenn ihm etwas unklar ist.

  • Er sollte aktiv mitarbeiten, Dinge ausprobieren, neue Erfahrungen sammeln, sich selbst beobachten, Termine einhalten etc.

  • Er sollte bereit sein, bestimmte Lebenseinstellungen und –haltungen, Verhaltensmuster und Interessen zu hinterfragen und zu analysieren.

  • Er sollte die Therapie ernst nehmen und sich die nötige Zeit dafür reservieren.

  • Er sollte vom Therapeuten kein Allheilmittel erwarten.

Hauptphase

Wenn die Grundlagen für einen guten Behandlungsverlauf vorhanden sind, sich eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung zwischen Patient und Therapeut entwickelt hat und über die Schwerpunkte für die folgenden Therapiestunden entschieden wurde, kann mit konkreten Veränderungs- und Lernprozessen begonnen werden.

In der Hauptphase der Therapie klärt und analysiert der Patient mit dem Therapeuten den Ist-Zustand. Dies hilft beim Einstieg in die Problembearbeitung.

Wichtig ist es zudem, in allen Lebenssituationen auch die positiven Seiten zu entdecken, auch wenn etwas auf den ersten Blick nur negativ erscheint. Ressourcen wie Stärken, Kraftquellen und persönliche Einflussmöglichkeiten können in Sorgen untergegangen sein und warten nur darauf, freigelegt zu werden.

Manchmal muss auch ein regelrechtes Knäuel von Problemen entwirrt werden, damit wichtige von weniger wichtigen Problemen unterschieden werden und Ansatzpunkte gefunden werden können. Schließlich muss entschieden werden, welches Problem zuerst in den Griff bekommen werden soll.

Die Suche nach Alternativen und Zielen ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der Therapie. Ein Problem ist erst in seinem vollen Umfang erkannt, wenn ein vom Ist- Zustand unterschiedener Soll-Zustand formuliert ist, also die Möglichkeit der Veränderung. Wenn der Ist-Zustand und der Soll-Zustand geklärt sind, gilt es, die Fertigkeiten festzustellen und auszubauen oder zu erlernen, die für einen Veränderungsprozess von Nöten sind. So können Lernziele formuliert werden, welche die Richtlinie für das weitere Vorgehen bilden. Für viele Lernziele gibt es bestimmte verhaltenstherapeutische Methoden, die der Therapeut der Person des Patienten und seiner speziellen Situation anpassen kann.

Die Diskrepanz zwischen dem unbefriedigenden Ist- und dem gewünschten Soll-Zustand soll reduziert oder gar ausgelöscht werden. Sind die Situation und der erstrebte Zustand definiert, kann sich der Patient in kleinen Schritten in Richtung der vereinbarten Ziele bewegen.

Eine weitere Problemlösung kann darin bestehen, beim Ist-Zustand zu bleiben und von Änderungszielen Abstand zu nehmen, da diese unrealistisch sind oder der Preis für die Veränderung zu hoch ist. Es wird hingegen gelernt, den Ist-Zustand zu akzeptieren und zufrieden zu sein mit dem, was man hat.

Manchmal ist die vernünftigste Variante die Bildung eines Kompromisses. Man entscheidet sich, Ist- und Soll-Zustand einander anzunähern.

Auf dem Weg, Fertigkeiten zur Bewältigung von Problemen zu lernen, gibt es niemanden, der nicht auf bereits vorhandene Stärken und Kraftquellen zurückgreifen kann. Oft werden diese Ressourcen nur vom Patienten selbst nicht als solche wahrgenommen. So muss er zunächst akzeptieren, dass auch bei ihm zumindest kleine Stärken vorhanden sind, er muss aktiv nach Fähigkeiten suchen und die entdeckten Talente in seinem Alltag häufiger umsetzen, kultivieren und ausbauen und zusätzlich neue Interessen entwickeln.

In einem weiteren Schritt werden schließlich die vereinbarten Lösungen praktisch umgesetzt. Meist bewegt sich der Patient durch den Therapeuten geleitet in kleinen Schritten auf ein großes Ziel zu. Bei einem Patienten mit Angststörungen, die so weit gehen, dass er das Haus nur noch ungern verlässt, kann so ein kleiner Schritt schon die Bewältigung eines Einkaufs im Supermarkt um die Ecke sein. Der Therapeut sorgt dafür, dass die einzelnen Schritte eine Herausforderung, aber keine Überforderung darstellen. Der Verhaltenstherapeut hat viele verschiedene Methoden in seinem Repertoire, mit denen er zielgerichtet dem Patienten beim Erreichen des großen Ziels helfen kann.

Die Ergebnisse der angewandten Methoden bestimmen, wie die Therapie weiter verläuft. Der Patient ist an der Beurteilung der Fortschritte maßgeblich mitbeteiligt. Sind Erfolge zu verzeichnen, ermutigen diese den Patienten, seinen Weg weiter zu verfolgen. Die Beurteilung von Fortschritten wird ersichtlich, wenn man sich den Stand der Dinge zu Beginn der Therapie ins Gedächtnis ruft und die angestrebten Lernziele betrachtet.

Eine Therapie verläuft nicht immer geradlinig. Es kann Startschwierigkeiten geben oder man kommt im späteren Verlauf der Therapie an einen Punkt, bei dem man eine Weile auf der Stelle tritt. Manche Therapieverläufe sind ein ständiges Auf und Ab. Doch auch wenn alles gut läuft, darf man eine Veränderung erst als solche betrachten, wenn sie stabil bleibt und zu einer guten Gewohnheit geworden ist.

 

Endphase der Therapie

In der Endphase der Therapie steht die Vorbereitung auf einen Alltag ohne therapeutische Hilfe im Mittelpunkt. Nach dem Erreichen von Fortschritten wird der Kontakt zwischen Therapeut und Patient allmählich reduziert. Erreichte Verbesserungen werden stabilisiert, es wird Bilanz gezogen und die wichtigsten Erfolge und Methoden für diese zusammengefasst.

In den letzten Sitzungen ist es wichtig, die Zeit nach Beendigung der Therapie in den Fokus zu nehmen. Jetzt sollten die erlernten Fähigkeiten, die zum Erfolg geführt haben, noch einmal zusammengefasst und vor Augen geführt werden.

Zudem bereitet der Therapeut den Patienten gut auf die Zeit nach der Therapie vor und bespricht schwierige Situationen, die in nächster Zeit gegebenenfalls auf den Patienten zukommen. Hier werden auch Vorsätze und Lernaufgaben noch einmal in Erinnerung gerufen, die der Patient alleine nach Therapieende umsetzen möchte.

Ein Therapieende muss dabei nicht endgültig sein. Der Patient kann auch zunächst völlig selbständig leben und wegen anderer, in der Therapie noch nicht behandelter, Probleme zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Zudem können andere Hilfsmöglichkeiten zur Bewerkstelligung des Alltags und zur Unterstützung aufgesucht werden (Selbsthilfegruppen, Nachsorgeeinrichtungen, Kirchengemeinden, soziale Einrichtungen etc.).


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